Parkinson Datenbank
parkinson-datenbank.de war eine Fachdatenbank für Ärzte und...

MAO-B-Hemmer bei Morbus Parkinson: Selegilin und Rasagilin im Vergleich

MAO-B-Hemmer bei Morbus Parkinson: Selegilin und Rasagilin im Vergleich

MAO-B-Hemmer gehören zu den am häufigsten eingesetzten Substanzen in der Parkinson-Therapie – und das aus gutem Grund. Sie sind gut verträglich, lassen sich sowohl als Monotherapie in frühen Krankheitsstadien als auch als Kombinationspartner von Levodopa einsetzen und haben ein vergleichsweise überschaubares Interaktionsprofil. Dennoch gibt es klinisch relevante Unterschiede zwischen den beiden etablierten Vertretern dieser Klasse: Selegilin und Rasagilin.

Wirkmechanismus: Was MAO-B-Hemmer auszeichnet

Monoaminoxidase-B ist das Hauptenzym, das Dopamin im zentralen Nervensystem abbaut. Durch die selektive, irreversible Hemmung der MAO-B wird der endogene Dopaminabbau verlangsamt – die synaptische Verfügbarkeit von Dopamin steigt, ohne dass exogenes Dopamin zugeführt werden muss. Dies erklärt die symptomatische Wirksamkeit sowohl als Monotherapie als auch als Add-on zu Levodopa.

In Kombination mit Levodopa verlängern MAO-B-Hemmer die Wirkdauer einzelner Levodopa-Dosen und reduzieren die tägliche OFF-Zeit – ein klinisch relevanter Effekt bei Patienten mit motorischen Fluktuationen.

Selegilin: Der ältere Vertreter mit Amphetamin-Metaboliten

Selegilin war der erste klinisch eingesetzte MAO-B-Hemmer und ist seit Jahrzehnten im Einsatz. Die Standarddosierung beträgt 5–10 mg täglich, aufgeteilt auf Morgen- und Mittagsdosis – eine abendliche Einnahme sollte vermieden werden, da schlafstörende Effekte bekannt sind.

Das entscheidende pharmakokinetische Merkmal von Selegilin ist sein Metabolismus: Es wird in der Leber zu L-Amphetamin und L-Methamphetamin abgebaut. Diese Metaboliten können zu zentralnervöser Stimulation, Unruhe, Schlafstörungen, Herzfrequenzerhöhung und Blutdruckschwankungen führen. Gerade bei älteren Patienten oder solchen mit kardiovaskulären Begleiterkrankungen ist dies klinisch bedeutsam.

Verfügbar ist Selegilin auch als Schmelztablette (Zydis-Formulierung), die sublingual resorbiert wird und den First-Pass-Effekt weitgehend umgeht. Dadurch entsteht weniger Amphetamin-Metabolit – ein Vorteil gegenüber der oralen Standardform.

Rasagilin: Moderner, ohne Amphetamin-Metaboliten

Rasagilin wurde mit dem Ziel entwickelt, die Wirksamkeit von Selegilin beizubehalten, aber das Metabolitenprofil zu verbessern. Tatsächlich entstehen beim Abbau von Rasagilin keine Amphetaminderivate. Der einzige relevante Metabolit ist Aminoindan, dem keine klinisch bedeutsame stimulierende Wirkung zugeschrieben wird.

Die Dosierung ist einfach: 1 mg einmal täglich, vorzugsweise morgens. Diese unkomplizierte Einmalgabe verbessert die Therapietreue.

Das günstigere kardiovaskuläre und zentralnervöse Nebenwirkungsprofil macht Rasagilin zur bevorzugten Wahl bei Patienten, bei denen Selegilin aufgrund seiner Metaboliten problematisch wäre. Die S2k-Leitlinie Parkinson der Deutschen Gesellschaft für Neurologie empfiehlt Rasagilin explizit zur Reduktion von OFF-Zeiten in der Kombinationstherapie mit Levodopa.

MAO-B-Hemmer Parkinson: Interaktionen, die klinisch relevant sind

Trotz des günstigen Profils gibt es Wechselwirkungen, die bei der Verordnung zwingend berücksichtigt werden müssen.

Antidepressiva – das wichtigste Interaktionsfeld

Die klinisch bedeutsamste Interaktionsgruppe sind Antidepressiva:

  • Selektive Serotonin-Wiederaufnahmehemmer (SSRI) und SNRI: In Kombination mit MAO-Hemmern besteht das Risiko eines Serotonin-Syndroms – einer potenziell lebensbedrohlichen Reaktion mit Hyperthermie, Agitation, Myoklonus, Tachykardie und Schwitzen. Die Gefahr gilt für alle MAO-B-Hemmer, wenn auch hauptsächlich bei hohen Dosen, die die MAO-A-Selektivität aufheben. Dennoch sollte die Kombination grundsätzlich nur mit großer Vorsicht und engmaschiger Kontrolle erfolgen.

  • Trizyklische Antidepressiva (TZA): Kontraindiziert mit Selegilin; bei Rasagilin ebenfalls kontraindiziert. Das Risiko für schwere Blutdruckkrisen und serotonerge Reaktionen ist zu hoch.

  • MAO-A-Hemmer (z. B. Tranylcypromin, Moclobemid): Kontraindiziert. Die gleichzeitige Gabe zweier MAO-Inhibitoren kann zu schwerwiegenden hypertensiven Krisen und Serotonin-Syndrom führen.

Da Parkinson-Patienten überproportional häufig an Depressionen leiden und antidepressive Komedikation klinisch oft notwendig ist, erfordert diese Konstellation besondere Aufmerksamkeit. Für Rasagilin und SSRIs gilt: Die Kombination ist laut Fachinformation mit Vorsicht einzusetzen, nicht prinzipiell kontraindiziert – aber regelmäßiges Monitoring ist unabdingbar.

Weitere relevante Interaktionen

  • Meperidin (Pethidin): Absolut kontraindiziert mit allen MAO-Hemmern – Gefahr schwerer, potenziell fataler Reaktionen (Hyperpyrexie, Koma).
  • Sympathomimetika: Selegilin kann bei gleichzeitiger Einnahme von Ephedrin oder ähnlichen Substanzen zu Blutdruckexzessen führen.
  • Linezolid: Als Antibiotikum mit MAO-hemmenden Eigenschaften ist es mit MAO-B-Hemmern kombiniert problematisch.
  • Levodopa: Die Kombination ist therapeutisch erwünscht, kann aber Dyskinesien verstärken. Eine Levodopa-Dosisreduktion kann erforderlich werden.
  • Tyramin-Tyrannei: Anders als bei unselektiven MAO-Hemmern ist die Tyramin-Diät bei therapeutischen Dosen von Selegilin oder Rasagilin in der Regel nicht notwendig – die MAO-A-Aktivität im Darm bleibt erhalten. Bei höheren Dosen oder Überschreitung der therapeutischen Schwelle verliert diese Selektivität aber an Zuverlässigkeit.

Selegilin Rasagilin Wechselwirkungen: Direkte Gegenüberstellung

Merkmal Selegilin Rasagilin
Dosierung 5–10 mg/Tag (aufgeteilt) 1 mg/Tag (einmal)
Metaboliten L-Amphetamin, L-Methamphetamin Aminoindan
Schlafstörungen häufiger seltener
Kardiovaskuläre Effekte relevanter günstiger
SSRI-Kombination Vorsicht Vorsicht
TZA-Kombination kontraindiziert kontraindiziert
Zulassung Monotherapie ja ja
Zulassung Add-on Levodopa ja ja

Praktische Schlussfolgerungen

Für die tägliche Praxis lassen sich einige klare Orientierungspunkte ableiten: Rasagilin ist aufgrund seiner einfachen Einmaldosierung und des günstigeren Metabolitenprofils für die meisten Patienten die praktischere Wahl. Selegilin kann insbesondere in der Zydis-Formulierung eine Alternative sein, wenn Schluckstörungen bestehen.

Die Interaktionen mit Antidepressiva bleiben für beide Substanzen die wichtigste Herausforderung im klinischen Alltag – nicht weil die Kombinationen stets unmöglich sind, sondern weil sie sorgfältige Abwägung und konsequentes Monitoring erfordern. Wer das Interaktionspotenzial kennt, kann diese Substanzklasse sicher und effektiv einsetzen.